Die Philosophie hinter dem handgefertigten Klavier
- Individualität und Klang: Jedes Stück Holz ist einzigartig, jede Handbewegung des Handwerkers subtil anders. Ein handgefertigtes Klavier wird nicht nach starren Vorgaben montiert, sondern als individuelles Klangprojekt betrachtet. Der Klavierbauer kann auf die spezifischen Eigenschaften der Materialien eingehen und den Klangcharakter gezielt formen. Das Ergebnis ist ein Instrument mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit und einem Klangreichtum, der oft über den von Serieninstrumenten hinausgeht.
- Qualität und Langlebigkeit: Beim handwerklichen Bau werden nur die besten Materialien ausgewählt und mit höchster Präzision verarbeitet. Es gibt keine Kompromisse zugunsten von Geschwindigkeit oder Kostenersparnis. Dies führt zu Instrumenten von außergewöhnlicher Stabilität, Zuverlässigkeit und Langlebigkeit. Ein handgefertigtes Klavier ist oft eine Investition für Generationen.
- Die Suche nach dem perfekten Klang: Klavierbauer, die Instrumente von Hand fertigen, sind oft selbst Musiker oder haben ein tiefes Verständnis für musikalische Nuancen. Sie streben nicht nur nach technischer Perfektion, sondern nach einem Klangideal – einem Klang, der inspiriert, berührt und dem Musiker unendliche Ausdrucksmöglichkeiten bietet.
- Tradition und Innovation: Der handwerkliche Klavierbau ehrt jahrhundertealte Traditionen und Techniken, die sich bewährt haben. Gleichzeitig sind die Meisterbauer offen für moderne Erkenntnisse der Akustik und Materialwissenschaft, um ihre Instrumente kontinuierlich zu verbessern. Es ist eine Symbiose aus bewährtem Wissen und fortschrittlichem Denken.
Phase 1: Das Fundament – Design, Planung und Materialauswahl
Der Bauplan: Mehr als nur eine Zeichnung
Die Auswahl der Hölzer: Das Herz des Klangs
- Resonanzboden (Soundboard): Das wohl kritischste Holzbauteil. Hierfür wird fast ausschließlich feinjährige Fichte (Sitka-Fichte oder europäische Fichte) von höchster Qualität verwendet. Das Holz muss langsam gewachsen sein (enge Jahresringe), gerade Fasern aufweisen und frei von Ästen oder Fehlern sein. Es wird oft als "Tonholz" bezeichnet. Seine Aufgabe ist es, die Schwingungen der Saiten aufzunehmen und als großer "Lautsprecher" in die Luft abzustrahlen. Das Holz muss über Jahre, manchmal Jahrzehnte, natürlich getrocknet und klimatisiert werden, um seine optimalen Schwingungseigenschaften zu entwickeln und spätere Verformungen zu minimieren.
- Rast (Frame/Back Structure): Bildet das Rückgrat des Klaviers (bei Flügeln die Unterseite). Hierfür werden robuste Harthölzer wie Buche oder Ahorn verwendet, oft in dicken Balken, um der enormen Saitenspannung standzuhalten.
- Stimmstock (Pin Block): In diesem Bauteil sitzen die Stimmwirbel. Er muss extrem stabil und widerstandsfähig sein, um die Wirbel festzuhalten und eine gute Stimmhaltung zu gewährleisten. Traditionell besteht er aus mehreren Schichten kreuzverleimten Hartholzes, meist Ahorn (Rock Maple).
- Rimba (Rim): Der äußere Rahmen des Flügelkörpers. Er wird aus mehreren dünnen Schichten Hartholz (Ahorn, Buche) unter hohem Druck und Hitze in die charakteristische Flügelform gebogen und verleimt. Der Rim trägt maßgeblich zur Stabilität und zum Klang bei.
- Stege (Bridges): Übertragen die Schwingungen der Saiten auf den Resonanzboden. Sie werden meist aus massivem Ahorn gefertigt und müssen präzise geformt und positioniert werden.
- Mechanikteile (Action Parts): Viele der über 6.000 Teile der Klaviermechanik bestehen aus Harthölzern wie Hainbuche oder Ahorn, die präzise bearbeitet werden müssen.
- Gehäuse (Case): Hier kommen oft edle Furniere (Nussbaum, Mahagoni, Palisander etc.) auf einem stabilen Trägermaterial zum Einsatz, um die äußere Ästhetik zu gestalten.
Metalle und andere Materialien
- Gussplatte (Iron Frame): Ein massiver Rahmen aus Gusseisen, der die enorme Zugkraft der Saiten (bis zu 20 Tonnen oder mehr) aufnimmt. Er wird im Sandgussverfahren hergestellt und muss exakt auf die Holzstruktur passen.
- Saiten (Strings): Hochfester Stahldraht ("Musikdraht") für die Mitten und den Diskant. Die Basssaiten bestehen aus einem Stahlkern, der mit Kupferdraht umsponnen ist, um die nötige Masse für tiefe Töne bei gleichzeitig ausreichender Flexibilität zu erreichen. Die Qualität des Stahls und die Präzision der Kupferspinnung sind klangentscheidend.
- Filze und Leder: Hochwertiger Wollfilz wird für Hammerköpfe, Dämpfer und diverse Lagerungen in der Mechanik verwendet. Leder kommt bei Dämpfern und anderen Mechanikteilen zum Einsatz. Die Qualität und Dichte dieser Materialien beeinflusst maßgeblich Anschlag und Klang.
- Klebstoffe: Traditionell wurden oft tierische Leime (Hautleim, Knochenleim) verwendet, die reversibel sind und gute akustische Eigenschaften haben. Heute kommen auch moderne Kunstharzkleber zum Einsatz, je nach Anwendung und Philosophie des Herstellers.
Phase 2: Der Rohbau – Rim, Rast und Gussplatte
Das Biegen des Rims (Flügel)
Der Bau der Rast (Klavier und Flügel)
Der Einbau des Stimmstocks
Die Gussplatte: Das eiserne Herz
Die kombinierte Zugkraft aller Saiten in einem modernen Konzertflügel kann über 20 Tonnen betragen – das entspricht dem Gewicht von etwa 15 Kleinwagen! Die Gussplatte und die Holzstruktur müssen dieser enormen Kraft dauerhaft standhalten.
Phase 3: Die Seele des Klangs – Resonanzboden und Stege
Die Herstellung des Resonanzbodens
Die Rippen (Ribs)
Die Stege (Bridges)
Einbau des Resonanzbodens
Phase 4: Spannung aufbauen – Besaitung und Grobstimmung
Stimmwirbel setzen
Das Aufziehen der Saiten
- Basssaiten: Die mit Kupfer umsponnenen Basssaiten (meist eine oder zwei pro Ton) werden zuerst aufgezogen. Die Qualität der Umspinnung ist entscheidend für einen klaren, obertonreichen Bassklang.
- Mittellage und Diskant: Hier werden blanke Stahlsaiten verwendet. In der Mittellage und im unteren Diskant sind es meist drei Saiten pro Ton (ein "Chor"), im obersten Diskant manchmal nur zwei. Alle Saiten eines Chors müssen exakt die gleiche Spannung und Länge haben, um sauber zu klingen.
Die erste Spannung: Chip Tuning
Phase 5: Das mechanische Herz – Einbau und Justierung der Mechanik
Die Klaviatur (Keyboard)
Die Mechanik (Action)
- Hammer: Besteht aus einem Holzkern und einem Hammerkopf aus gepresstem Wollfilz. Die Form, das Gewicht und vor allem die Dichte und Elastizität des Filzes sind entscheidend für den Klang.
- Hammerstiel (Shank): Verbindet den Hammer mit dem Rest der Mechanik.
- Kapsel (Flange): Hält die beweglichen Teile und ermöglicht die Drehbewegung.
- Stoßzunge (Jack): Überträgt den Impuls von der Taste auf den Hammer und löst kurz vor dem Anschlag an der Saite aus ("Auslösung"), damit der Hammer frei schwingen kann.
- Fänger (Backcheck): Fängt den Hammer nach dem Anschlag auf, um ein unerwünschtes Nachprellen zu verhindern.
- Dämpfer (Damper): Ein Filzklotz, der auf der Saite liegt und deren Schwingung stoppt, sobald die Taste losgelassen wird. Beim Treten des rechten Pedals werden alle Dämpfer abgehoben.
Einbau und erste Justierung
Phase 6: Die Geburt des Klangs – Regulation, Intonation und Stimmung
Regulation (Regulierung)
- Tastentiefgang: Wie weit lässt sich jede Taste niederdrücken?
- Auslösung (Let-off): Der Punkt, an dem die Stoßzunge den Hammer freigibt, kurz bevor er die Saite trifft.
- Hammergang (Blow Distance): Der Abstand des ruhenden Hammers zur Saite.
- Checking: Die Einstellung des Fängers, um den zurückschnellenden Hammer korrekt aufzufangen.
- Dämpferabhebung: Der Zeitpunkt, an dem der Dämpfer von der Saite abhebt, wenn die Taste gedrückt wird.
- Pedalfunktionen: Einstellung der Pedalmechanik (Haltepedal, Leisepedal, Sostenuto-Pedal).
Intonation (Voicing)
- Nadeln (Needling): Durch gezieltes Stechen in den Hammerfilz werden die Fasern gelockert, der Filz wird weicher und elastischer. Dies macht den Ton wärmer, runder und weniger scharf. Die Kunst besteht darin, genau an den richtigen Stellen und in der richtigen Tiefe zu nadeln, um den gewünschten Effekt zu erzielen, ohne den Filz zu zerstören.
- Härten: Manchmal ist der Filz zu weich. Dann können spezielle Lacke oder chemische Lösungen verwendet werden, um den Filz zu härten und dem Ton mehr Brillanz und Klarheit zu verleihen. Dies erfordert große Vorsicht.
- Formen: Auch die Form des Hammerkopfes beeinflusst den Klang. Manchmal wird der Filz leicht abgefeilt oder geschliffen.
Intonation ist ein irreversibler Prozess. Zu viel Genadel oder falsch angewendete Härtemittel können einen Hammerkopf ruinieren. Daher erfordert diese Arbeit höchste Konzentration und Expertise.
Stimmung (Tuning)
Phase 7: Das Äußere – Gehäusefinish und Endmontage
Oberflächenbehandlung
- Furnieren: Oft werden hochwertige Edelfurniere auf das Trägerholz aufgebracht, um eine schöne Maserung zu erzielen.
- Lackieren: Traditionell wurden oft Schellackpolituren verwendet, die sehr aufwendig von Hand aufgetragen werden und einen tiefen Glanz erzeugen. Heute sind hochwertige Polyester- oder Polyurethanlacke üblich, die sehr widerstandsfähig sind. Bei schwarzen Klavieren wird oft ein Hochglanz-Polyesterlack verwendet, der in vielen Schichten aufgetragen und dann aufwendig geschliffen und poliert wird, bis die spiegelnde Oberfläche entsteht. Auch seidenmatte Oberflächen sind beliebt.
- Polieren: Die letzte Lackschicht wird mit immer feineren Schleif- und Poliermitteln bearbeitet, bis der gewünschte Glanzgrad erreicht ist.
Endmontage
Phase 8: Qualitätskontrolle und Auslieferung
- Klangliche Prüfung: Ein erfahrener Klavierbauer oder Musiker spielt das Instrument an, prüft die Ausgewogenheit, die Dynamik, die Klangfarbe und die Stimmhaltung.
- Technische Prüfung: Alle mechanischen Funktionen (Mechanik, Dämpfung, Pedale) werden nochmals überprüft.
- Optische Prüfung: Die Oberfläche wird auf Fehler oder Beschädigungen kontrolliert.