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Vom Klang zur Kunst: So entsteht ein handgefertigtes Klavier

20. April 2025
Ein Klavier ist weit mehr als nur ein Möbelstück oder ein Instrument. Es ist eine komplexe Maschine, ein Kunstwerk und ein Medium für emotionalen Ausdruck. Während heute viele Klaviere in hochautomatisierten Fabriken vom Band laufen, gibt es immer noch eine Nische für Instrumente, die mit traditionellen Methoden, größter Sorgfalt und der Leidenschaft erfahrener Handwerker von Hand gefertigt werden. Diese handgefertigten Klaviere repräsentieren den Gipfel des Klavierbaus – Instrumente, die nicht nur klingen, sondern eine Seele besitzen. Doch wie entsteht ein solches Meisterwerk? Der Prozess ist langwierig, erfordert tiefgreifendes Wissen, außergewöhnliches Geschick und eine unerschütterliche Hingabe zur Perfektion. Dieser Artikel nimmt Dich mit auf eine Reise durch die Werkstatt eines Klavierbauers und enthüllt Schritt für Schritt, wie aus rohen Materialien ein Instrument von unvergleichlicher Klangschönheit und Ausdruckskraft entsteht. Von der Auswahl des Holzes bis zur finalen Intonation – jeder Schritt ist entscheidend und trägt zur Einzigartigkeit des fertigen Klaviers bei. Bevor wir in die technischen Details eintauchen, ist es wichtig, die Philosophie zu verstehen, die dem Bau eines handgefertigten Klaviers zugrunde liegt. Warum entscheiden sich Hersteller und Musiker für diesen aufwendigen Weg, wenn die Massenproduktion doch so viel effizienter ist?
  1. Individualität und Klang: Jedes Stück Holz ist einzigartig, jede Handbewegung des Handwerkers subtil anders. Ein handgefertigtes Klavier wird nicht nach starren Vorgaben montiert, sondern als individuelles Klangprojekt betrachtet. Der Klavierbauer kann auf die spezifischen Eigenschaften der Materialien eingehen und den Klangcharakter gezielt formen. Das Ergebnis ist ein Instrument mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit und einem Klangreichtum, der oft über den von Serieninstrumenten hinausgeht.
  2. Qualität und Langlebigkeit: Beim handwerklichen Bau werden nur die besten Materialien ausgewählt und mit höchster Präzision verarbeitet. Es gibt keine Kompromisse zugunsten von Geschwindigkeit oder Kostenersparnis. Dies führt zu Instrumenten von außergewöhnlicher Stabilität, Zuverlässigkeit und Langlebigkeit. Ein handgefertigtes Klavier ist oft eine Investition für Generationen.
  3. Die Suche nach dem perfekten Klang: Klavierbauer, die Instrumente von Hand fertigen, sind oft selbst Musiker oder haben ein tiefes Verständnis für musikalische Nuancen. Sie streben nicht nur nach technischer Perfektion, sondern nach einem Klangideal – einem Klang, der inspiriert, berührt und dem Musiker unendliche Ausdrucksmöglichkeiten bietet.
  4. Tradition und Innovation: Der handwerkliche Klavierbau ehrt jahrhundertealte Traditionen und Techniken, die sich bewährt haben. Gleichzeitig sind die Meisterbauer offen für moderne Erkenntnisse der Akustik und Materialwissenschaft, um ihre Instrumente kontinuierlich zu verbessern. Es ist eine Symbiose aus bewährtem Wissen und fortschrittlichem Denken.
Diese Philosophie durchdringt jeden einzelnen Schritt des Herstellungsprozesses, den wir nun genauer betrachten werden. Alles beginnt lange bevor der erste Span fällt. Am Anfang stehen die Vision und die präzise Planung. Der Bauplan, oft als "Scale Design" oder Mensur bezeichnet, ist das Herzstück des Klavierdesigns. Er legt die exakten Längen, Durchmesser und Spannungen jeder einzelnen Saite fest, die Position der Stege auf dem Resonanzboden, die Form des Gussrahmens und die grundlegende Struktur des Instruments. Die Mensur ist entscheidend für den Klangcharakter, die Ausgewogenheit zwischen Bass, Mitte und Diskant sowie die Stimmhaltung des Klaviers. Erfahrene Klavierbauer entwickeln oft ihre eigenen Mensuren oder verfeinern bestehende Designs über Jahre hinweg. Dies erfordert ein tiefes Verständnis von Physik, Akustik und Materialeigenschaften. Holz ist der wichtigste Werkstoff im Klavierbau. Die Auswahl der richtigen Hölzer und ihre sorgfältige Vorbereitung sind von fundamentaler Bedeutung.
  • Resonanzboden (Soundboard): Das wohl kritischste Holzbauteil. Hierfür wird fast ausschließlich feinjährige Fichte (Sitka-Fichte oder europäische Fichte) von höchster Qualität verwendet. Das Holz muss langsam gewachsen sein (enge Jahresringe), gerade Fasern aufweisen und frei von Ästen oder Fehlern sein. Es wird oft als "Tonholz" bezeichnet. Seine Aufgabe ist es, die Schwingungen der Saiten aufzunehmen und als großer "Lautsprecher" in die Luft abzustrahlen. Das Holz muss über Jahre, manchmal Jahrzehnte, natürlich getrocknet und klimatisiert werden, um seine optimalen Schwingungseigenschaften zu entwickeln und spätere Verformungen zu minimieren.
  • Rast (Frame/Back Structure): Bildet das Rückgrat des Klaviers (bei Flügeln die Unterseite). Hierfür werden robuste Harthölzer wie Buche oder Ahorn verwendet, oft in dicken Balken, um der enormen Saitenspannung standzuhalten.
  • Stimmstock (Pin Block): In diesem Bauteil sitzen die Stimmwirbel. Er muss extrem stabil und widerstandsfähig sein, um die Wirbel festzuhalten und eine gute Stimmhaltung zu gewährleisten. Traditionell besteht er aus mehreren Schichten kreuzverleimten Hartholzes, meist Ahorn (Rock Maple).
  • Rimba (Rim): Der äußere Rahmen des Flügelkörpers. Er wird aus mehreren dünnen Schichten Hartholz (Ahorn, Buche) unter hohem Druck und Hitze in die charakteristische Flügelform gebogen und verleimt. Der Rim trägt maßgeblich zur Stabilität und zum Klang bei.
  • Stege (Bridges): Übertragen die Schwingungen der Saiten auf den Resonanzboden. Sie werden meist aus massivem Ahorn gefertigt und müssen präzise geformt und positioniert werden.
  • Mechanikteile (Action Parts): Viele der über 6.000 Teile der Klaviermechanik bestehen aus Harthölzern wie Hainbuche oder Ahorn, die präzise bearbeitet werden müssen.
  • Gehäuse (Case): Hier kommen oft edle Furniere (Nussbaum, Mahagoni, Palisander etc.) auf einem stabilen Trägermaterial zum Einsatz, um die äußere Ästhetik zu gestalten.
Die Holzlagerung und -trocknung ist eine Wissenschaft für sich. Das Holz muss langsam und kontrolliert auf eine bestimmte Restfeuchte gebracht werden (typischerweise 6-8%), um späteres Arbeiten (Quellen, Schwinden) unter wechselnden klimatischen Bedingungen zu minimieren.
  • Gussplatte (Iron Frame): Ein massiver Rahmen aus Gusseisen, der die enorme Zugkraft der Saiten (bis zu 20 Tonnen oder mehr) aufnimmt. Er wird im Sandgussverfahren hergestellt und muss exakt auf die Holzstruktur passen.
  • Saiten (Strings): Hochfester Stahldraht ("Musikdraht") für die Mitten und den Diskant. Die Basssaiten bestehen aus einem Stahlkern, der mit Kupferdraht umsponnen ist, um die nötige Masse für tiefe Töne bei gleichzeitig ausreichender Flexibilität zu erreichen. Die Qualität des Stahls und die Präzision der Kupferspinnung sind klangentscheidend.
  • Filze und Leder: Hochwertiger Wollfilz wird für Hammerköpfe, Dämpfer und diverse Lagerungen in der Mechanik verwendet. Leder kommt bei Dämpfern und anderen Mechanikteilen zum Einsatz. Die Qualität und Dichte dieser Materialien beeinflusst maßgeblich Anschlag und Klang.
  • Klebstoffe: Traditionell wurden oft tierische Leime (Hautleim, Knochenleim) verwendet, die reversibel sind und gute akustische Eigenschaften haben. Heute kommen auch moderne Kunstharzkleber zum Einsatz, je nach Anwendung und Philosophie des Herstellers.
Die sorgfältige Auswahl und Vorbereitung aller Materialien legt den Grundstein für die Qualität des fertigen Instruments. Nach der Planungs- und Materialphase beginnt der eigentliche Bau des Klavierkörpers. Beim Flügel ist der Rim das prägende äußere Element. Dünne, lange Furnierstreifen aus Hartholz (z.B. Ahorn) werden mit Leim bestrichen und Schicht für Schicht in eine massive Form gepresst, die die elegante Kurve des Flügels vorgibt. Unter hohem Druck und oft zusätzlicher Wärme (Hochfrequenzpressen) härtet der Leim aus und es entsteht ein extrem stabiler, formbeständiger Rahmen – der innere und äußere Rim. Dieser Prozess erfordert große Pressen und viel Erfahrung, um eine perfekte Form ohne Spannungen zu erreichen. Die Rast ist das tragende Skelett des Instruments. Bei einem Klavier (Upright Piano) besteht sie aus massiven Holzpfosten, die den Stimmstock und die Gussplatte tragen. Bei einem Flügel ist die Rast eine komplexe Konstruktion aus Holzbalken, die unter dem Resonanzboden liegt und mit dem Rim verbunden ist. Sie muss die Zugkraft der Saiten aufnehmen und an den stabilen Rim weiterleiten. Die Verbindungen müssen extrem präzise und stabil sein. Der Stimmstock wird passgenau in die Rast bzw. den Rim integriert. Er muss absolut fest sitzen, da hier später die Stimmwirbel eingeschlagen werden, die die Saiten halten. Jede minimale Bewegung würde die Stimmhaltung beeinträchtigen. Die Gussplatte wird nach dem Gießen sorgfältig bearbeitet. Sie wird geschliffen, gebohrt (für Befestigungsschrauben, Agraffen oder Capo d'Astro-Steg) und oft lackiert (typischerweise gold- oder bronzefarben) und poliert. Das Einpassen der Platte in die Holzstruktur ist Millimeterarbeit. Sie darf das Holz nicht unter Spannung setzen, muss aber absolut fest und sicher verschraubt werden, um die Saitenspannung aufzunehmen, ohne sich zu verformen. Die Platte wird so positioniert, dass sie keinen direkten Kontakt zum schwingenden Teil des Resonanzbodens hat, um dessen Vibration nicht zu dämpfen. Jetzt kommt der Teil, der maßgeblich für die Klangqualität und -fülle verantwortlich ist: der Resonanzboden. Aus den sorgfältig ausgewählten und getrockneten Fichtenbrettern werden die besten Stücke ausgewählt und zu einer Platte verleimt. Die Kunst besteht darin, die Bretter so anzuordnen, dass die Maserung optimal verläuft und eine gleichmäßige Schwingungsfähigkeit gewährleistet ist. Die verleimte Platte wird dann auf eine präzise Dicke gehobelt – oft ist sie in der Mitte etwas dicker und wird zu den Rändern hin dünner ("tapered soundboard"). Diese variable Dicke beeinflusst das Schwingungsverhalten und den Klangfarbenreichtum. Ein entscheidendes Merkmal ist die "Krone" (Crown) oder Wölbung des Resonanzbodens. Der Boden wird leicht gewölbt gebaut (ähnlich einer Geigendecke). Diese Wölbung wird durch speziell geformte Rippen auf der Unterseite erzeugt und stabilisiert. Die Krone sorgt dafür, dass der Resonanzboden unter dem Druck der Saiten (der über die Stege übertragen wird) eine gewisse Vorspannung hat. Dies verbessert die Energieübertragung von den Saiten und die Abstrahlung des Klangs. Auf die Unterseite des Resonanzbodens werden Rippen aus Fichtenholz aufgeleimt, meist quer zur Maserung des Bodens. Sie haben mehrere Funktionen: Sie stabilisieren die Wölbung (Krone), verteilen die Schwingungen über die gesamte Fläche des Bodens und beeinflussen das Schwingungsmuster und damit den Klang. Die Form, Anzahl und Positionierung der Rippen sind Teil des Designs und variieren je nach Hersteller und Modell. Die Stege sind das Bindeglied zwischen Saiten und Resonanzboden. Es gibt meist zwei Stege: einen langen für die Mitten- und Diskantsaiten und einen kürzeren für die Basssaiten. Sie werden aus massivem, hartem Holz (meist Ahorn) gefertigt und präzise auf die Oberseite des Resonanzbodens aufgeleimt, genau an den Positionen, die durch die Mensur vorgegeben sind. In die Oberkante der Stege werden kleine Metallstifte (Stegstifte) eingeschlagen, zwischen denen die Saiten verlaufen. Die Position dieser Stifte muss extrem genau sein (auf Hundertstelmillimeter), da sie die exakte schwingende Länge jeder Saite bestimmen. Die Höhe und Form des Stegs ("Side Draft" und "Downbearing") erzeugen den nötigen Druck der Saiten auf den Resonanzboden, um die Schwingungsenergie effizient zu übertragen. Zu viel Druck dämpft den Klang, zu wenig Druck führt zu einem schwachen Ton. Dies erfordert höchste Präzision beim Anpassen des Stegs an den Resonanzboden und die Gussplatte. Der fertige Resonanzboden mit seinen Rippen und Stegen wird sorgfältig in den Rim bzw. die Rast eingeleimt. Er muss perfekt passen und darf keine Spannungen aufweisen, die sein freies Schwingen behindern könnten. Nachdem der Korpus mit Resonanzboden und Gussplatte fertiggestellt ist, werden die Saiten aufgezogen. Die Stimmwirbel (Tuning Pins) – spezielle Stahlschrauben mit einem Vierkantkopf – werden in die vorgebohrten Löcher des Stimmstocks eingeschlagen oder eingedreht. Sie müssen extrem fest sitzen, um dem Zug der Saiten standzuhalten und ein präzises Stimmen zu ermöglichen. Der Drehwiderstand muss genau richtig sein – nicht zu leicht, nicht zu schwer. Dies ist eine körperlich anstrengende und präzise Arbeit. Jede Saite wird auf die richtige Länge zugeschnitten. Ein Ende wird am Anhangstift an der Gussplatte befestigt, das andere Ende wird mehrmals sauber um den Stimmwirbel gewickelt.
  • Basssaiten: Die mit Kupfer umsponnenen Basssaiten (meist eine oder zwei pro Ton) werden zuerst aufgezogen. Die Qualität der Umspinnung ist entscheidend für einen klaren, obertonreichen Bassklang.
  • Mittellage und Diskant: Hier werden blanke Stahlsaiten verwendet. In der Mittellage und im unteren Diskant sind es meist drei Saiten pro Ton (ein "Chor"), im obersten Diskant manchmal nur zwei. Alle Saiten eines Chors müssen exakt die gleiche Spannung und Länge haben, um sauber zu klingen.
Die Saiten verlaufen von den Anhangstiften über den Steg zu den Agraffen oder dem Capo d'Astro-Steg an der Vorderseite der Gussplatte und schließlich zum Stimmwirbel. Agraffen sind Messingschrauben mit Löchern, durch die die Saiten laufen und die den vorderen Auflagepunkt definieren. Der Capo d'Astro-Steg (im oberen Diskant) ist eine massive Metallschiene, die von oben auf die Saiten drückt und so den vorderen Auflagepunkt bildet. Sobald alle Saiten aufgezogen sind, herrscht eine enorme Spannung im Instrument. Die Saiten werden nun zum ersten Mal grob auf eine ungefähre Tonhöhe gebracht ("Chip Tuning"). Dabei dehnt sich das Material, der Rahmen und der Resonanzboden setzen sich leicht. Das Klavier muss sich an die Spannung gewöhnen. In dieser Phase wird noch keine präzise Stimmung angestrebt, sondern es geht darum, die Spannung gleichmäßig aufzubauen und das System zu stabilisieren. Mehrere solcher Grobstimmungen sind in den nächsten Tagen und Wochen nötig, während sich das Instrument akklimatisiert. Parallel zum Bau des Korpus wird oft schon die Klaviermechanik (Action) vorbereitet. Sie ist ein Wunderwerk der Feinmechanik. Die 88 Tasten (bei modernen Klavieren) werden aus leichtem, stabilem Holz (oft Fichte oder Linde) gefertigt. Sie müssen präzise ausbalanciert sein, damit sie nach dem Anschlag schnell und zuverlässig in ihre Ausgangsposition zurückkehren. Dies geschieht durch kleine Bleigewichte, die an strategischen Punkten in die Tasten eingelassen werden. Die Tasten werden auf dem Tastenrahmen gelagert, der später ins Klavier eingesetzt wird. Die sichtbaren Tastenbeläge (früher Elfenbein, heute hochwertige Kunststoffe wie Acryl oder Ivorit) werden aufgebracht und poliert. Die eigentliche Mechanik ist ein komplexes System aus Hebeln, Federn und Gelenken, das die Bewegung der Taste auf den Hammer überträgt, der dann die Saite anschlägt. Zu den Hauptkomponenten gehören:
  • Hammer: Besteht aus einem Holzkern und einem Hammerkopf aus gepresstem Wollfilz. Die Form, das Gewicht und vor allem die Dichte und Elastizität des Filzes sind entscheidend für den Klang.
  • Hammerstiel (Shank): Verbindet den Hammer mit dem Rest der Mechanik.
  • Kapsel (Flange): Hält die beweglichen Teile und ermöglicht die Drehbewegung.
  • Stoßzunge (Jack): Überträgt den Impuls von der Taste auf den Hammer und löst kurz vor dem Anschlag an der Saite aus ("Auslösung"), damit der Hammer frei schwingen kann.
  • Fänger (Backcheck): Fängt den Hammer nach dem Anschlag auf, um ein unerwünschtes Nachprellen zu verhindern.
  • Dämpfer (Damper): Ein Filzklotz, der auf der Saite liegt und deren Schwingung stoppt, sobald die Taste losgelassen wird. Beim Treten des rechten Pedals werden alle Dämpfer abgehoben.
Jede der 88 Tasten hat ihre eigene Mechanikeinheit mit all diesen Teilen (und noch mehr). Alle Teile müssen mit Toleranzen im Bereich von Bruchteilen eines Millimeters gefertigt und montiert werden. Die Achsen der Gelenke müssen leichtgängig, aber spielfrei sein. Der Tastenrahmen mit der Klaviatur und die komplett montierte Mechanik werden nun in das Klavier eingesetzt. Es folgt eine erste grobe Justierung, um sicherzustellen, dass alle Teile funktionieren und die Hämmer die richtigen Saiten treffen. Dies ist vielleicht die zeitaufwendigste und künstlerisch anspruchsvollste Phase im Klavierbau. Hier erhält das Instrument seine spielerische Qualität und seinen individuellen Klangcharakter. Diese Arbeiten werden oft von hochspezialisierten Technikern durchgeführt. Die Regulation ist die präzise mechanische Einstellung aller beweglichen Teile der Mechanik und Klaviatur. Ziel ist es, ein absolut gleichmäßiges Spielgefühl über die gesamte Klaviatur zu erreichen und sicherzustellen, dass die Mechanik bei jeder Anschlagsstärke präzise und zuverlässig reagiert. Zu den wichtigsten Einstellungen gehören:
  • Tastentiefgang: Wie weit lässt sich jede Taste niederdrücken?
  • Auslösung (Let-off): Der Punkt, an dem die Stoßzunge den Hammer freigibt, kurz bevor er die Saite trifft.
  • Hammergang (Blow Distance): Der Abstand des ruhenden Hammers zur Saite.
  • Checking: Die Einstellung des Fängers, um den zurückschnellenden Hammer korrekt aufzufangen.
  • Dämpferabhebung: Der Zeitpunkt, an dem der Dämpfer von der Saite abhebt, wenn die Taste gedrückt wird.
  • Pedalfunktionen: Einstellung der Pedalmechanik (Haltepedal, Leisepedal, Sostenuto-Pedal).
Jede dieser Einstellungen beeinflusst andere, und sie müssen für jede der 88 Tasten individuell vorgenommen werden. Ein Konzerttechniker kann viele Stunden oder sogar Tage allein mit der Regulation eines Flügels verbringen. Eine perfekte Regulation ist die Voraussetzung für virtuoses Spiel und feine dynamische Kontrolle. Während die Regulation das Spielgefühl betrifft, formt die Intonation den Klangfarbencharakter des Instruments. Der Intoneur (Voicer) bearbeitet die Hammerkopffilze, um den Ton weicher, härter, heller oder dunkler zu machen und eine klangliche Ausgewogenheit über die gesamte Klaviatur zu erzielen. Die Hauptwerkzeuge sind spezielle Intoniernadeln mit unterschiedlichen Spitzen.
  • Nadeln (Needling): Durch gezieltes Stechen in den Hammerfilz werden die Fasern gelockert, der Filz wird weicher und elastischer. Dies macht den Ton wärmer, runder und weniger scharf. Die Kunst besteht darin, genau an den richtigen Stellen und in der richtigen Tiefe zu nadeln, um den gewünschten Effekt zu erzielen, ohne den Filz zu zerstören.
  • Härten: Manchmal ist der Filz zu weich. Dann können spezielle Lacke oder chemische Lösungen verwendet werden, um den Filz zu härten und dem Ton mehr Brillanz und Klarheit zu verleihen. Dies erfordert große Vorsicht.
  • Formen: Auch die Form des Hammerkopfes beeinflusst den Klang. Manchmal wird der Filz leicht abgefeilt oder geschliffen.
Die Intonation ist ein sehr subjektiver Prozess, der ein exzellentes Gehör und viel Erfahrung erfordert. Der Intoneur arbeitet eng mit dem zukünftigen Besitzer oder Musiker zusammen, um den Klang an dessen Vorstellungen anzupassen. Ziel ist ein gleichmäßiger Klangverlauf von Bass bis Diskant, ohne abrupte Übergänge, und ein breites dynamisches Spektrum mit vielen Klangfarben. Parallel zur Regulation und Intonation muss das Klavier mehrfach gestimmt werden. Da sich das Instrument (Holz, Saiten, Rahmen) an die Spannung erst gewöhnen muss, verstimmt es sich anfangs relativ schnell. Der Klavierstimmer bringt jede Saite auf die exakt richtige Frequenz (Tonhöhe). Dabei verwendet er ein Stimmgerät oder stimmt nach Gehör, wobei er die Intervalle (Oktaven, Quinten, Quarten) zwischen den Tönen beurteilt. Bei den Chören (zwei oder drei Saiten pro Ton) müssen alle Saiten exakt gleich gestimmt sein (unisono), sonst entsteht ein schwebender oder unsauberer Klang. Eine gute Stimmung erfordert nicht nur präzise Tonhöhen, sondern auch die Berücksichtigung der "Inharmonizität" der Saiten (die Obertöne sind nicht exakt harmonisch). Daher werden Oktaven oft leicht "gespreizt" (die oberen Töne etwas höher, die unteren etwas tiefer gestimmt), um einen brillanteren und volleren Klang zu erzielen. Ein handgefertigtes Klavier wird während des gesamten Fertigungsprozesses und vor der Auslieferung viele Male gestimmt. Während die klanglichen und spieltechnischen Aspekte im Vordergrund stehen, ist auch die äußere Erscheinung eines handgefertigten Klaviers von Bedeutung. Der Klavierkorpus, der Deckel und andere sichtbare Holzteile werden sorgfältig vorbereitet (geschliffen, gebeizt) und erhalten ihre endgültige Oberfläche.
  • Furnieren: Oft werden hochwertige Edelfurniere auf das Trägerholz aufgebracht, um eine schöne Maserung zu erzielen.
  • Lackieren: Traditionell wurden oft Schellackpolituren verwendet, die sehr aufwendig von Hand aufgetragen werden und einen tiefen Glanz erzeugen. Heute sind hochwertige Polyester- oder Polyurethanlacke üblich, die sehr widerstandsfähig sind. Bei schwarzen Klavieren wird oft ein Hochglanz-Polyesterlack verwendet, der in vielen Schichten aufgetragen und dann aufwendig geschliffen und poliert wird, bis die spiegelnde Oberfläche entsteht. Auch seidenmatte Oberflächen sind beliebt.
  • Polieren: Die letzte Lackschicht wird mit immer feineren Schleif- und Poliermitteln bearbeitet, bis der gewünschte Glanzgrad erreicht ist.
Alle restlichen Teile werden montiert: Deckel, Notenpult, Tastenklappe, Pedale (Lyra beim Flügel), Rollen etc. Beschläge wie Scharniere und Schlösser werden angebracht. Alles muss perfekt passen und funktionieren. Bevor das Klavier die Werkstatt verlässt, durchläuft es eine letzte, gründliche Qualitätskontrolle.
  • Klangliche Prüfung: Ein erfahrener Klavierbauer oder Musiker spielt das Instrument an, prüft die Ausgewogenheit, die Dynamik, die Klangfarbe und die Stimmhaltung.
  • Technische Prüfung: Alle mechanischen Funktionen (Mechanik, Dämpfung, Pedale) werden nochmals überprüft.
  • Optische Prüfung: Die Oberfläche wird auf Fehler oder Beschädigungen kontrolliert.
Erst wenn das Instrument allen strengen Kriterien entspricht, wird es sorgfältig für den Transport verpackt und an den Kunden ausgeliefert. Auch nach der Lieferung benötigt ein neues Klavier noch einige Zeit, um sich an das Klima am neuen Standort zu gewöhnen, und es sind in der Regel mehrere Stimmungen und eventuell Nachregulierungen in den ersten Monaten erforderlich. Der Bau eines handgefertigten Klaviers ist ein faszinierender Prozess, der traditionelles Handwerk, präzise Ingenieurskunst und künstlerisches Feingefühl vereint. Vom ersten Entwurf bis zum letzten Polierschritt ist jeder Handgriff darauf ausgerichtet, ein Instrument von höchster Qualität zu schaffen – ein Instrument, das nicht nur Töne erzeugt, sondern Musik zum Leben erweckt. Es ist die Summe unzähliger Details – die sorgfältige Auswahl des Holzes, die Präzision bei der Bearbeitung von Tausenden von Teilen, die Geduld bei der Regulation und Intonation –, die ein handgefertigtes Klavier zu etwas Besonderem macht. Es ist ein Zeugnis menschlicher Kreativität und Hingabe, ein Instrument, das den Musiker inspiriert und den Zuhörer berührt. Ein handgefertigtes Klavier ist nicht nur ein Produkt, es ist ein Kunstwerk mit einer eigenen Seele, bereit, über Generationen hinweg Freude zu bereiten.